Briefe

Eine Angehörige zwischen Verzweiflung

und Hoffnung

Jahrelang war mein Mann dem Alkohol verfallen. Alles bitten, betteln, drohen und schimpfen veränderte nichts an seinem Trinkverhalten. Ich verzweifelte immer mehr und ich konnte nicht verstehen, warum er meine Gefühle so sehr verletzte. Er verstand es, mir durch kurzzeitige Abstinenz immer wieder neue Hoffnung zu machen. Seine Rückfälle wurden dadurch für mich immer schlimmer und meine Angst immer größer. Nach einem sehr schlimmen Streit entschloß sich mein Mann, seine erste Entgiftung zu machen und eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Ich schöpfte wieder etwas Hoffnung und glaubte, dass er nun endlich mit dem Trinken aufhören wollte. Ich gab unserer Ehe wieder eine Chance. Doch meine Hoffnung wurde sehr schnell wieder zerstört, mein Mann wurde rückfällig. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie ich diese Zeit durchgestanden habe. Mehrere Entgiftungen und Rückfälle wechselten sich innerhalb eines Jahres ab. Ich wurde selbst körperlich krank und hatte zeitweise Selbstmordgedanken.                                                                          Ich sah in meinem Leben keinen Sinn mehr.

Um mich - wie ich heute weiß - wieder einmal ruhig zu stellen, willigte mein Mann ein, mit in den Urlaub zu fahren. Doch schon am zweiten Tag war mein Urlaub vorbei, mein Mann fiel in ein Delir und brauchte fast 10 Tage, um transportfähig zu werden und nach Hause zu kommen. Nach dieser Erfahrung meinte mein Mann, er wüßte nun endlich, dass er mit dem trinken aufhören müsse, weil so etwas nie wieder passieren dürfte, es könnte ja seinen Tod bedeuten. Ich hatte wieder Hoffnung, habe seine Worte nur zu gerne geglaubt und machte wieder Zukunftpläne.Mein Mann roch nicht mehr nach Alkohol. Nach etwa sechs Monaten musste ich feststellen, dass er auf Pillen und illegale Drogen umgestiegen war. Meine Hoffnung war wieder zerstört, meine Verzweiflung grenzenlos. Ich empfand für meinen Mann nur noch Haß und wünschte er wäre tot. Ich trennte mich von meinem Mann und reichte die Scheidung ein.

Meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit blieben, ich hatte keinen Lebensmut mehr.

Körperlich am Ende entschloß sich mein Mann eine Langzeittherapie zu machen. Mir war das gleichgültig, ich wollte von ihm nichts mehr sehen und hören. Nach etwa vier Wochen bekam ich die Einladung an einem Partnerschaftsseminar teilzunehmen; nur einem vorherigen Gespräch mit der Therapeutin meines Mannes ist es zu verdanken, dass ich der Einladung nachgekommen bin. In weiteren Seminaren habe ich gelernt wieder eine eigenständige Persönlichkeit zu werden und mich von meinem Mann in keiner Weise mehr beeinflussen zu lassen. Wir haben gemeinsam unsere Probleme gelöst aber jeder auf seine Weise. Dieses Prinzip halten wir bis heute bei und sind so sehr zufrieden. Mein Selbstbewußtsein ist heute so groß, dass ich nie wieder einen Rückfall akzeptieren würde, ich zöge sofort meine Konsequenzen.

Denn da wo ich einmal war, will ich nicht mehr hin.

Roswitha Offermanns

 



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