Angehörige

 



LOSLASSEN

Gedanken zum Leben mit einem Abhängigen

von Franz Strieder

Wer mit einem Alkohol- oder Tablettenabhängigen zusammenlebt oder mit ihm befreundet ist weiß, dass die Krankheit der Abhängigkeit die ganze Familie befällt. Es entsteht eine Wechselwirkung zwischen der Abhängigkeit des Abhängigen und den Angehörigen. Im Laufe unserer Überlegungen werden wir immer deutlicher erkennen, dass die Symptome des Abhängigen denen der übrigen Familie ziemlich ähnlich sind, z.B. Verleugnung. Der Abhängige verleugnet, dass er Alkoholiker ist, die Familie verleugnet dies ebenfalls. “Er trinkt eben etwas viel, aber Alkoholiker ist er doch nicht”. Der Abhängige versucht sein Trinkverhalten zu kontrollieren, die Familie sucht den Abhängigen und sein Trinkverhalten zu kontrollieren. Beide tun es ohne langfristigen Erfolg. Der Abhängige fühlt sich mies, schuldig und reagiert häufig aggressiv. Die Familie des Abhängigen fühlt sich genauso mies und schuldig, weil sie die Schuld bei sich sucht. Die Symptome sind fast austauschbar. Es ist eine Krankheit, welche die ganze Familie erfasst:Abhängigkeit.

Wenn wir im folgenden von Abhängigkeit sprechen, meinen wir Alkohol-, Tabletten- und Drogenabhängigkeit. Es handelt sich hier um die gleiche Krankheit, nur die jeweils benutzte chemische Substanz ändert sich. Bei dem einen heißt es Alkohol, bei dem anderen Tabletten oder harte Drogen. Unter Angehörigen verstehen wir alle Personen, die im engen Kontakt mit dem Abhängigen sind und an seinem Leben teilnehmen. Das kann die Familie im engeren Sinn sein, können aber auch Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen sein.

Die folgenden Überlegungen sind herausgewachsen aus der Arbeit mit Angehörigen in der Fachklinik Bad Tönisstein und in der Fachklinik Hazelden in Minnessota/USA. Sie wollen dem Angehörigen ein Stück Hoffnung vermitteln, Hoffnung, dass es einen Weg aus dem Teufelskreis herausgibt, dass die Familie wieder gesunden kann und dass diese Gesundung nicht nur von der Tatsache abhängt, ob der Abhängige nicht mehr trinkt, sondern von der neuen Einstellung der Familie.

Der Holzweg

Bei den Angehörigenseminaren in Bad Tönisstein stellen wir den Teilnehmern öfters folgende Frage:”Auf welcher Weise habe ich versucht, meinen abhängigen Angehörigen vom Trinken wegzubringen? Wie habe ich mich dabei gefühlt, wie erfolgreich bin ich bei meinen Aktionen gewesen?” Darf ich sie bitten, hier eine kleine Pause einzulegen, bevor sie weiterlesen und diese Fragen für sich in aller Ruhe zu beantworten - Danke!

Wird ein Mitglied der Familie abhängig, so bemühen sich die anderen Mitglieder mit viel Anstrengung und Mühe, den Alkohol- und Tablettenkonsum des Abhängigen unter Kontrolle zu bringen. Dabei werden die verschiedensten Möglichkeiten gebraucht.Z.B. ausschütten des Alkohols, die Tabletten wegwerfen, verstecken des Alkohols, aufsuchen und aufspüren der verschiedenen Verstecke, mittrinken, bitten, versprechen, fordern, schimpfen, beschuldigen, drohen. Diese Versuche der Familie, den Alkoholismus eines Mitgliedes der Familie in den Griff zu bekommen, bestimmen immer mehr das gesamte Denken, Fühlen und Handeln der Familie. Immer neue Versuche werden unternommen, immer neue Hoffnungen geweckt, immer neue Enttäuschungen werden dabei erfahren. Der Abhängige wird mehr und mehr zur Mitte des Familienlebens. Die Gefühle, welche die Familienmitglieder bei diesen Versuchen erfassen, sind denen des Abhängigen sehr ähnlich. Die Familie fühlt sich hilflos, schuldig, wertlos und frustriert. Hinzu kommt oft ein massiver Ärger und Wut. Der Erfolg bei all diesen Bemühungen ist auf die Dauer gesehen gleich Null.

Vieleicht gelingt es durch massive Drohungen oder anderen Manipulationen den Abhängigen für kurze Zeit zu einer Änderung seines Trinkverhaltens zu bewegen, aber nach kurzer Zeit ist alles wieder beim alten. Damit beginnt das Spiel von neuem: Kontrollversuche auf seiten der Familie, Mißerfolg und Gefühl von Traurigkeit, Enttäuschung, Ärger und Schuld. Bei diesen dauernden Mißerfolgen ergibt sich nun die Frage:” Wieso versucht die Familie eigentlich immer wieder, den Abhängigen zu kontrollieren, obwohl sie immer wieder Mißerfolge erfährt. Warum gibt er nicht einfach auf?” Hier läuft ein ähnlicher Mechanismus ab wie beim Abhängigen. Der Abhängige macht seinerseits die Erfahrung, dass er unfähig ist, kontrolliert zu trinken. Diese Erfahrung macht er immer wieder. Auf der anderen Seite ist er so gefangen in seinem Abwehrdenken und Fühlen, dass er die illusionäre Hoffnung hat, dass das nächste Mal seine Versuche, kontrolliert trinken zu können, gelingen. Natürlich gelingen sie nicht, was ihn aber nicht zum Aufgeben seines illusionären Denkens und Fühlens führt, sondern zu einem neuen Versuch. Etwas ähnliches geschied bei den Angehörigen. Sie haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie ihrem Abhängigen durch ihre verschiedenartigen Versuche nicht helfen konnten. Verstandesmäßig ist ihnen auch klar, dass sie ihm nicht helfen können. Aber bei ihnen ist ein ähnliches Abwehrsystem wie beim Abhängigen vorhanden. Dieses Abwehrsystem läßt die Erkenntnis ihrer Machtlosigkeit nicht aufkommen. Auch sie bleiben in dem illusionären Hoffen hängen. “Das nächste Mal werden unsere Bemühungen Erfolg haben. Wir müssen nur klüger oder sensibler vorgehen oder zu einem besseren Zeitpunkt mit dem Abhängigen sprechen”. Natürlch geht es auch mit dem nächsten Mal schief und die Angehörigen fühlen sich immer hilfloser und enttäuschter. Dies führt aber nicht zur Aufgabe ihrer Bemühungen, sondern zu einem neuen Versuch. Damit wird die Familie in ihrem Denken, Fühlen und Handeln immer mehr von dem Abhängigen abhängig. Der Abhängige ist abhängig vom Alkohol bzw. von den Tabletten. Die Familie ist abhängig von dem Alkoholiker. Der Hauptgrund für die Abhängigkeit der Familie liegt in den dauernden Bemühungen, den Abhängigen in seinem Trinkverhalten zu verändern. Die Familie will die Verantwortung für den Abhängigen übernehmen. Die Familie verhält sich so, als ob sie für den Abhängigen und sein Tun verantwortlich wäre. Sie behandelt den Abhängigen als ein kleines Kind, das für sich nicht mehr Verantwortung tragen kann. Das stimmt natürlich auf der einen Seite. Der Abhängige benimmt sich weitgehend unverantwortlich und wie ein Kind und lädt damit die Familie ein, für ihn die Verantwortung zu übernehmen. Auf der anderen Seite unterstützt die Familie durch die Übernahme der Verantwortung das Trinkverhalten des Abhänggen. Er hat keinen Grund aufzuhören, da die negativen Folgen seines Verhaltens weitgehend von der Familie ausgebügelt werden. Z.B. die Ehefrau ruft am Montag im Geschäft an, dass der Ehemann Grippe hat, obwohl er an den Folgen seines Trinkens am Wochenende erkrankt ist und unfähig ist zur Arbeit zu gehen. So paradox und ernüchternd es klingt, die Familie verlängert ungewollt das Trinken des Abhänggen durch ihre Tendenz, Verantwortung für den Abhängigen zu übernehmen. Das ist für viele Angehörige eine bestürzende und schmerzhafte Erkenntnis, dass all ihr Einsatz und ihre Mühe das Gegenteil von dem bewirkt haben, was sie eigentlich wollten. Damit wären wir bei der Frage nach einer Lösung. Gibt es eine Lösung aus diesem Teufelskreis? In welcher Richtung könnte diese Lösung liegen?

Wege nach vorne

Wir sind bei unseren Überlegungen im ersten Teil häufig auf Parallelen im Verhalten und Fühlen von Abhängigen und Angehörigen gestoßen. Damit ist schon eine Richtung hin zur Lösung angezeigt. Anders ausgedrückt: Nicht nur das Problem zeigt Parallelen, sondern auch die Lösung des Problems.

Zugeben der Machtlosigkeit:

Am Beginn jeder Therapie für Alkoholiker liegt die Krankheitseinsicht. Dem Abhängigen wird zusehends klar, dass er alkoholkrank ist, d.h. dass er unfähig ist, zu bestimmen, wann und wieviel er trinkt. Er ist machtlos gegenüber dem Alkohol. Dieses Eingeständnis der Niederlage ist die unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Mit diesem zugeben der Machtlosigkeit begibt sich der Abhängige aus dem Abwehrsystem der Verleugnung heraus und stellt sich der Wirklichkeit. Die illusionäre Hoffnung, nächstes Mal werde ich den Alkohol kontrollieren , bricht zusammen. Die Überzeugung bricht auf: “Ich werde niemals mehr kontrollert trinken können”.

Versuchen sie diese Einsicht auf die Angehörigen zu übertragen. Auch sie müssen zugeben, dass sie machtlos sind. Machtlos gegenüber dem Alkoholiker bzw. Tablettenabhängigen. Auch bei ihnen ist es notwendig, dass sie sich zu ihrer Niederlage bekennen, zu der Tatsache, dass alle Kontrollversuche fehlgeschlagen sind und immer fehlschlagen werden. Gegen dieses Zugeben der Niederlage und der Machtlosigkeit sträubt sich alles in uns. Wir wollen es nicht wahrhaben. Hierin gleicht der Angehörige dem Abhängigen sehr stark. Zugeben der Niederlage ist demütigend. Dennoch führt an dieser Einsicht kein Weg zur Gesundung der Familie vorbei.

Hier begegnet uns eine merkwürdige Paradoxie. So lange wir gegen die Abhängigkeit unseres Angehörigen kämpfen, bleiben wir in der Verliereposition. Wenn wir unsere Machtlosigkeit eingestehen, führt ein Weg aus der Verliereposition heraus. “Gewinnen durch Verlieren”. So heißt ein kleines Buch über die Therapie von Alkoholiker in Hazelden/USA. Genau dasselbe Motto können wir über die Therapie der Familie schreiben:”Gewinnen durch Verlieren”. Auch wenn der Abhängge weiter trinkt, kann die Familie ihren Frieden gewinnen. Schauen wir das noch etwas genauer an.

Abschied von der Beschützerrolle

Bei der Therapie des Abhängigen genügt die Krankheitseinsicht alleine noch nicht. Er wird Entscheidungen fällen müssen, Entscheidungen zur Nüchternheit, Entscheidungen zur Veränderung, Entscheidung zur Aufgabe der Kontrollhaltung. Das gleiche gilt auch für die Angehörigen. Einsicht in die Machtlosigkeit und Vergeblichkeit ihrer redlichen Bemühungen allein genügen nicht. Dies könnte auch zu Resignation und Verzweiflung führen. War das bisherige Verhalten der Angehörigen gezeichnet von Festhalten und Kontrolle, so ist das neue Ziel “LOSLASSEN”, dem Abhängigen seine Verantwortung nicht mehr abnehmen, sondern sie ihm zumuten. Fangen wir also mit dem Loslassen der Beschützerrolle an.

Zunächst möchten wir sehr klar sagen, dass wir den Angehörigen in keiner Weise einen Vorwurf machen wollen, dass sie diese Beschützerrolle übernommen haben. Sie waren im guten Glauben, ihren Angehörigen zu helfen, sie haben viel Kraft, Zeit und Schmerz in dieser Rolle investiert. Wichtig ist, dass sie heute bereit sind, Abschied von dieser Beschützerrolle zu nehmen, dass sie ihren Abhängigen loslassen und aufhören, für ihn die Verantwortung zu übernehmen. Wahrscheinlich steigt jetzt eine Menge Widerstand in ihnen hoch. Fragen wie etwa folgende:”Was wird aus dem Abhängigen, wenn ich mich nicht mehr um ihn kümmere?”. Vielleicht ist es auch die andere Frage:”Wenn ich loslasse, muss ich mich nicht dann von meinen Mann/Frau trennen?”. Die letzte Frage macht deutlich, dass viele Angehörige hier nur ein entweder-oder sehen. Entweder sie spielen die Beschützerrolle, oder sie lassen sich scheiden. Das ist aber eine einseitige Sicht des Problems. Es gibt noch eine Menge Alternativen. Ich nenne eine: Ich gebe meine Beschützerrolle auf und behandle meinen Partner als selbstverantwortlichen Menschen. Dieser Weg kommt aus der Erkennnis, dass ich andere Leute nicht ändern kann und dass meine Beschützerrolle zu keinem bleibenden Erfolg geführt hat. Gerade nach Beendigung einer Therapie ist die Frage nach Trennung oder Scheidung verfrüht. Erst sollte der Versuch gemacht werden, bei dem jeder als selbstverantwortlicher Mensch lebt und nicht Verantwortung für den anderen übernimmt. Sollte dies auf die Dauer dann nicht möglich sein, kann dann immer noch eine Trennung oder Scheidung ins Auge gefaßt werden. Viel wahrscheinlicher aber ist es, dass die Ehe auf die Basis der Selbstständigkeit und Selbstverantwortung gestellt, besser gelingt als vorher. Natürlich ist das ein langer und oft mühsamer Weg, wie ja überhaupt “LOSLASSEN” ein mühseliges Geschäft ist.

Die andere Frage war: “Was wird aus dem Abhängigen, wenn ich nicht mehr die Beschützerrolle spiele?”. Fragen wir uns aber zuerst, was ist aus ihm geworden, so lange wir die Rolle gespielt haben. NICHTS GUTES. Ist für den Abhängigen kein Beschützer mehr da, besteht gute Aussicht, dass er selbst diese Rolle übernimmt. Er fängt an, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, da die anderen müde sind, es für ihn zu tun.

Der eigene Wachstumsprozess

Hat der Angehörige angefangen, seinen abhängigen Partner loszulassen, wird er fähig für sich selbst etwas zu tun. Jahrelang, ja oft jahrzehntelang waren die Gedanken und Gefühle des Angehörigen besetzt mit der ängstlichen Sorge um den trinkenden Partner. Für sich selbst und seine eigene Reifung und sein eigenes emotionales Wachstum blieb wenig Zeit und Kraft. Will der Angehörige auf die Dauer gesund bleiben, muss er anfangen, für sich und sein Wachstum etwas zu tun. Ein guter Teil der Kraft, die in die  Helferrolle geflossen ist, kann nun dem Wachstum der eigenen Persönlichkeit zugute kommen.

Konkret heißt das zunächst, dass der Angehörige aus seiner Isolation herauskommt und sich Freunde sucht. Alte Freundschaften, die durch den Alkoholismus des Partners eingefroren wurden, können erneuert werden, neue Freundschaften angeknüpft werden. Eine besondere Rolle spielt hier eine Support-Gruppe. Der Angehörige braucht neben einen Bekanntenkreis auch einen Kreis von Menschen, die unter dem gleichen Problem leiden wie er selbst, Eine solche Selbsthilfegruppe wäre etwa die Al-Anon Gruppe, eine Parallelgruppe zu den Anonymen Alkoholikern. Diese Gruppe ist ausschließlich für den Angehörigen von Alkoholikern gedacht. Diese können hier offen über ihre Probleme, ihre Gefühle und Frustrationen sprechen und an ihrem eigenen emotionalen Wachszum arbeiten. Daneben gibt es die örtlichen Selbsthilfegruppen des Blauen Kreuzes, der Guttempler und der Freundeskreise. Auch gehen die örtlichen Beratungsstellen häufig dazu über, eigene Gruppen für Angehörige einzurichten.

Der Angehörige hat lange Zeit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnisse zurückgestellt. In diesem Stadium sollte er sich die Frage stellen:”Was möchte ich für mich tun?” Die Antwort darauf mag für den einen der Besuch eines Konzertes oder eines Theaters bedeuten, für den anderen ein Abendkurs in Englisch, für den dritten die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit und vieles andere. Emotionales Wachstum kann in der Richtung einer tieferen Annahme seiner selbst gehen oder in Richtung eines besseren Umgangs mit Ärger und Frustration, oder in einer tieferen Erfahrung von Intimität und Partnerschaft. Noch einmal sei es gesagt, dieses Wachstum und diese Veränderung ist unabhängig von der Trockenheit des Partners. Auch, wenn der Alkoholiker sich entscheidet, wieder oder weiter zu trinken, kann der Angehörige aus dem Kreis der Abhängigkeit aussteigen, sich verändern und sich auf seine eigenen Füße stellen. Häufig wird die neue Einstellung und Haltung des Angehörgen aber auch eine Hilfe für den Alkoholiker sein, sich seinerseits auf seine egenen Füße zu stellen und gemeinsam mit seinem Partner den Weg in die Nüchternheit, Zufriedenheit und Reife zu gehen.

mit freundlicher Genehmigung der Fachklinik Thommener Höhe(Daun/Eifel), 54552 Darscheid        

ABHÄNGIG

Mein Partner war ABHÄNGIG!

Ich war ABHÄNGIG von meinem Partner

Ist das CO - ABHÄNGIGKEIT?

 

Wer Informationen über Co - Abhängigkeit haben möchte kann sich an folgende Kontakte wenden:

Kontakt:

Käthe 02403 - 27266

Ulrike 02409 - 1064

 

In dringenden Fällen besteht auch die Möglichkeit sich über den Suchtnotruf des Kreises Aachen in Verbindung zu setzen um sofort und anonym über sein Problem zu reden.

0800 7824800

Der Suchtnotruf ist kostenlos und 24 Std. erreichbar